Tayfun Erdogmus Neue Bilder

02.11.2012
04.12.2012

Tayfun Erdoğmuș‘ teilweise sehr großformatigen Bilder sind geprägt von Textur und Dynamik, von Spurensicherung, Verdichtung und zugleich Raumlassen. Auf den Leinwänden entwickeln sich eindrucksvolle Interferenzen ornamentaler Strukturen und monochromer Farbflächen.
Aus der Distanz gesehen, entsteht der Eindruck eines ganz feinen Gewebes aus Rhythmik und Farbe, das sich bei längerer Betrachtung wie eine diffus glänzende Oberfläche verhält und eine lebendige und räumliche Atmosphäre spürbar werden lässt. Erst bei näherem Hinsehen kann man in der räumlichen Tiefe den miteinander verwobenen, fein übereinander gelagerten Schichten nachspüren. Die stofflich wirkenden Formen entpuppen sich als pflanzliche Elemente, als zarte Blütenblätter: unmittelbar visuell und sinnlich – eine atmosphärische Objektannäherung. Die Blattform, im osmanisch-orientalischen Raum als eigenständiges poetisch geladenes Element charakterisiert, bestimmt seine Bilder.
Aus der Nähe wird auch erst die Vielschichtigkeit der Farbstrukturen der darunterliegenden linearen und flächigen Bildelemente deutlich: metallisches blitzt durch, eine visuelle Abstraktion auf der Fläche – eine konzeptionelle Objektdefinition. Die farbigen Hintergründe bilden die Basis für Flächenkomposition und Raumtiefe.

Linear wirkende Blattstrukturen scheinen sich allmählich vor den gesprenkelten Farbflächen aufzulösen.; Räumlichkeit und Raum entwickeln sich. Ein fiktiver Raum. Unter den Blütenstrukturen wartet weiterer Raum, fein ziseliert, darunter noch mehr Raum. Ein Bekenntnis zur Unbestimmtheit des Raumes, ein Einblick, der fast zum Ausblick wird. Die Arbeiten sind geprägt von einem besonderen Schärfe-Unschärfe-Verständnis.

Die Bilder wirken zugleich offen und geschlossen, impressiv und konstruktiv, verknüpfen Ordnungen mit Atmosphäre, erproben Rhythmen, Strukturen und Konstruktionen des Bildnerischen. Eine konzeptionelle und gesteuerte Eindeutigkeit. Sie entstehen mit dem Wissen um die alte Tradition der Pflanzenornamentik und der suggestiven Kraft des Ornamentes; sie beziehen sich zugleich auf Elemente der orientalischen Kunst, der Kalligraphie und der Arabeske.

Ein Kernpunkt in der Arbeit von Tayfun Erdoğmuș ist es, diese Polarität ineinander zu verschränken, eine Verbindung zu schaffen zwischen diesen „Spurensicherungen“, Kalligraphischem oder Ornamentalem zu einer sehr zeitgenössischen und zugleich individuellen Bildsprache.
M. Becker, Berlin 2012